Multitools, die Werkzeugkoffer für die Hostentasche

Wer viel unterwegs ist — ob mit dem Wohnmobil, beim Campen oder einfach auf Reisen — kennt diese Momente: Eine Federbandschelle am Wasserschlauch will sich nicht lösen. Ein Ventil hat leichten Rost angesetzt und denkt gar nicht daran aufzumachen. Eine Schublade klemmt, irgendetwas hat sich verkeilt und braucht etwas Nachdruck, um wieder seinen Dienst zu tun. In solchen Momenten greift man instinktiv nach einem Werkzeug — und merkt, dass das Schweizer Messer, so genial es in vielen Situationen ist, hier schlicht nicht mehr mitspielt.

Genau da fängt die Geschichte der Multitools an. Zange, Messer, Schraubendreher, Säge — alles in einem, immer griffbereit, keine große Werkzeugkiste notwendig.

Was ihr hier lest, ist kein Testbericht aus dem Labor, sondern ein Erfahrungsbericht aus dem echten Einsatz. Die Tools, die wir vorstellen, haben wir selbst gekauft — manche aus Überzeugung, manche aus purem Schnäppchenjäger-Instinkt — und sie begleiten uns schon seit Jahren. Manche davon kommen regelmäßig mit, manche landen nach ehrlicher Selbstreflexion eher im Regal. Genau das werden wir euch nicht verschweigen.

Das Gerber Multi-Plier 600 — oder: Warum unser ältestes Werkzeug immer noch eines der besten ist

Manche Dinge kauft man und vergisst sie nach zwei Jahren wieder. Und dann gibt es Dinge, die einen einfach nicht loslassen. Das Gerber Multi-Plier 600 gehört eindeutig in die zweite Kategorie — wir haben es seit über dreißig Jahren, und es hat schon viele tolle Orte gesehen.

Der Ursprung dieses Tools liegt nicht im Wohnmobil, sondern auf einem Großsegler. Wir sind damals auf einem solchen Schiff gesegelt. Und wenn Knut dann in den Masten gearbeitet — auf sogenannten Rahen, also quer zum Mast angebrachten Rundhölzern, auf denen man in luftigen Höhen auf dünnen Fußpferden balanciert, dann war eine kleine Taschenlampe und das Messer immer mit dabei. Sicherheit ist dort kein Buzzword, sondern Überlebensstrategie. Und genau da kommt das Gerber ins Spiel: Man kann die Zange mit einer einzigen Hand herausschnellen lassen. Klingt nach einer Kleinigkeit — ist es aber nicht, wenn die andere Hand gerade den Mast umklammert. Und damit dem Mitsegler das Messer nicht aus versehen auf den Kopf fällt, gibt es eigens dafür eine Sichernugsschlaufe am Messer.

Das ist das Killer-Feature dieses Tools, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Mit zwei Fingern auf die Sperren drücken, rausschieben, fertig. Die Wangen der Zange sind außen schön abgerundet — man kann also auch beherzt zugreifen, ohne sich die Finger aufzureißen. Alle anderen Werkzeuge sind über Sicherungsschieber zugänglich. Damit verbunden ist übrigens die Tatsache, dass man die Zange erst öffnen muss, damit man die weiteren Tool ausklappen kann. Vor- und Nachteil in einem.

Das Messer hat übrigens eine glatte und eine geriffelte Klinge. Ideal, um Tauwerk auf See zu schneiden. Viel besser als die kombinierten Klingen, die beides, bzw. weder noch sind.

Die genaue Variante, die wir haben, gibt es in dieser Form übrigens nicht mehr — aber das Nachfolgemodell sieht dem Original zum Verwechseln ähnlich. Gerber hat hier offensichtlich verstanden, dass man an einem funktionierenden Konzept nichts kaputtoptimieren muss.

Fazit: Wer ein Multitool sucht, das auch unter Stress funktioniert, ist mit dem Gerber Multi-Plier 600 gut bedient. Wer hauptsächlich Käse schneiden möchte, sollte zusätzlich ein glatt geschliffenes Messer einpacken.

Gerber Suspension NXT — oder: Wie Wiebke in einem Tag ein neues Lieblingstool fand

Es gibt Käufe, die man für sich selbst macht. Und dann gibt es Käufe, die man zwar für sich selbst macht, die aber innerhalb von 24 Stunden den Besitzer wechseln. Das Gerber Suspension NXT gehört zur zweiten Kategorie.

Knut hat es in einem amerikanischen Supermarkt entdeckt — Preis gut, Größe überzeugend, sofort eingesteckt. Was er nicht eingeplant hatte: Wiebke. Einen Tag später war klar, dass dieses kleine Multitool ab sofort ihr gehört. Der nächste Supermarkt war zum Glück nicht weit, und seitdem haben wir beide eines. Problem gelöst, Haushaltsfriede gewahrt.

Aber warum hat es Wiebke so schnell überzeugt? Weil es einfach schön unaufdringlich ist. Durch die offene Rahmenkonstruktion — Gerber nennt das „Skeleton-Design“ — ist es leichter als die meisten Konkurrenten und trägt kaum auf. Es verschwindet in der Hosentasche, ohne dass man das Gefühl hat, einen Werkzeugkasten spazieren zu tragen. Dazu kommt ein Gürtelclip, falls man es lieber griffbereit hat.

Was uns wirklich gefällt: Alle Werkzeuge lassen sich nach außen klappen — ohne dass man die Zange erst öffnen muss. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Beim alten Gerber MP600 geht das nämlich nicht, und genau das nervt im Alltag. Hier ist jedes Tool im geschlossenen Zustand nutzbar, gesichert jeweils über einen kleinen Schieberiegel. Die Zange selbst ist eine Spitzmaulzange mit Butterfly-Öffnung — beide Hälften klappen über ein Scharnier auf — und macht einen wirklich wertigen Eindruck.

Besonders praktisch: die Schere. Funktioniert tatsächlich, was bei Multitools keine Selbstverständlichkeit ist. Und ein Kreuzschlitz ist auch dabei — unterschätzt, aber im Reisealltag erstaunlich oft gefragt.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings, und das ist die kombinierte Klinge mit und ohne Riffelklinge, die im hinteren Teil der Klinge zu finden ist. Nötig wäre diese unserer Meinung nach nicht gewesen. Besser wäre eine durchgehend glatte Klinge.

Fazit: Kompakt, leicht, alltagstauglich — und mit dem entscheidenden Vorteil, dass man an alle Werkzeuge kommt, ohne erst die Zange aufzuklappen. Wer ein Multitool für den täglichen Einsatz sucht und keinen halben Kilo Metall in der Tasche haben möchte, liegt hier richtig. Und wer es kauft, sollte direkt zwei nehmen. Nur zur Sicherheit.

Mossy Oak Multifunktionszange oder: Was passiert, wenn der Preis das Gehirn ausschaltet

Was kann ein Multitool für round about 20 Euro?

Manchmal braucht man keine Notwendigkeit. Manchmal reicht ein Preis. Und genau das ist die ehrliche Antwort auf die Frage, warum wir ein drittes Multitool gekauft haben — obwohl wir bereits zwei besitzen und eigentlich vollständig ausgestattet sind. Das Mossy Oak hat bei einem Deal weniger als zwanzig Euro gekostet. Knut hat bestellt. Ende der Diskussion.

Die eigentliche Frage war dann: Was bekommt man für unter zwanzig Euro, wenn auf der Verpackung „21 Funktionen“ steht? Die Erwartungen waren entsprechend niedrig angesetzt. Und die Überraschung war entsprechend groß.

Zunächst zur wichtigsten Vorabinformation: Das ist kein unaufdringliches Hosentaschentool. Das Mossy Oak ist ein handfestes, massives Stück Metall — 454 Gramm, fast ein halbes Kilo. Wer damit die Hosentasche füllt, merkt es. Wer es am Gürtel trägt, merkt es auch. Für manche ist das ein Problem, für andere ein Qualitätsmerkmal. Reine Geschmackssache.

Was die Verarbeitung angeht: Knut hat nichts gefunden, was er ansatzweise monieren würde. Und das bei einem Zwanzig-Euro-Tool. Es gibt eine stabile Zange, eine Säge, eine Feile — soweit erwartbar. Aber dann kommt das, was wirklich überrascht: ein durchgängig glattes, großes Messer ohne Wellenschliff. Nach den Erfahrungen mit den beiden Gerbers ist das fast schon ein Freudentag. Dazu ein zweites kleineres Messer mit Rillenform.

Der eigentliche Star ist jedoch der Bithalter. Dieser lässt sich in 90 oder 180 Grad feststellen und kommt mit doppelt belegten Bits — Schlitz, Kreuz und Torx sind abgedeckt. Bei einem Multitool dieser Preisklasse hätte niemand Torx erwartet. Wir auch nicht. Zusammen mit Dosenöffner, Flaschenöffner und den üblichen Verdächtigen kommt man auf 21 Funktionen, die tatsächlich alle ihren Platz rechtfertigen.

Einen Abzug gibt es: Die beiliegende Nylonhülle ist nicht das, was man sich wünscht. Laut Produktbeschreibung eine „robuste Oxford-Tasche“ — in der Realität eher das Gegenteil von robust. Aber bei einem Preis von unter zwanzig Euro kann man darüber wirklich hinwegsehen.

Fazit: Wer ein massives, gut verarbeitetes Multitool mit echtem Bithalter und glattem Messer sucht und bereit ist, dafür gelegentlich ein halbes Kilo in der Tasche zu spüren — und das für unter zwanzig Euro — wird hier sehr gut bedient. Ab und an taucht es bei Amazon für 19,98 Euro auf. Dann einfach zuschlagen. Eine Notwendigkeit braucht man dafür nicht.

Und was ist mit den anderen etablierten Tools?

Natürlich stellt sich beim Thema Multitools irgendwann die unvermeidliche Frage: Was ist eigentlich mit den großen Namen?

Fangen wir mit dem Schweizer Messer an. Das ist für uns schlicht unschlagbar — als Ergänzung zum Multitool, nicht als Ersatz. Knut ist dabei eher bei Wenger verhaftet als bei Victorinox, was er unter anderem mit dem patentierten Schraubendreher begründet. Ob das vollständig rational ist, sei dahingestellt — manchmal mag man einfach, was man mag. Wiebke hingegen hat ein Victorinox, mit dem sie sehr glücklich ist. Beide Marken liefern Qualität, über die man nicht groß streiten muss.

Victorinox hat übrigens auch ein vollwertiges Multitool im Programm — kein Schweizer Messer, sondern ein echtes Multitool mit Zange und allem drum und dran. Verarbeitung und Qualitätsgefühl sind hervorragend, und es freut uns ehrlich gesagt, dass es auch europäische Hersteller gibt, die in dieser Liga mitspielen. Der Preis liegt bei rund 130 Euro — schlägt also durchaus ins Gebäck, ist aber für das, was man bekommt, nachvollziehbar.

Und dann ist da noch Leatherman. Der vermeintliche Platzhirsch, der uns schon lange fasziniert — allein wegen der schieren Vielfalt an Modellen, Funktionen und Ausführungen. Was uns bisher davon abgehalten hat, eines zu kaufen? Zum einen der Preis. Zum anderen ehrlich gesagt die Qual der Wahl: Wenn es dreißig Modelle gibt, weiß man irgendwann nicht mehr, welches man eigentlich haben möchte. Knut hat ein Leatherman Microtool, das sich bei einem Splitter im Fingern oder hartnäckigen Haribo-Tüten bewährt — aber das ist zugegebenermaßen eher eine Spielerei fürs Schlüsselbund als ein ernsthaftes Werkzeug. Ein richtiges Leatherman steht also noch aus. Was nicht ist, kann ja noch werden.

Fazit — welches Tool für wen?

Nach all diesen Tools eine ehrliche Einschätzung, wie sie bei uns im Alltag wirklich ankommen.

Das Leatherman Micra am Schlüsselbund ist eine nette Spielerei — für einen Splitter im Finger und widerspenstige Verpackungen völlig in Ordnung, aber in der Liga der echten Multitools spielt es schlicht nicht mit.

Das Mossy Oak ist der Knaller des Feldes, wenn man den Preis im Blick behält. Unter zwanzig Euro für diese Verarbeitung und 21 Funktionen inklusive Bithalter — das ist schwer zu schlagen. Wer allerdings kein halbes Kilo Metall in der Hosentasche tragen möchte, sollte das vorher bedenken.

Das Gerber Suspension NXT ist das Tool, das bei uns am häufigsten tatsächlich eingesetzt wird. Es wandert mit auf Wandertouren, kommt mit zum Campen und ist bei allen möglichen Gelegenheiten dabei. Ideal groß, angenehm leicht, alles Wichtige an Bord. Kein Wunder, dass Wiebke es sofort für sich beansprucht hat.

Und das Gerber MP600 Pro? Das liegt ehrlich gesagt meistens im Regal. Nicht weil es schlecht wäre — als Einhandwerkzeug ist es nach wie vor unübertroffen, und auf einem Segler wäre es noch heute erste Wahl. Aber wir segeln selten, und für die Hosentasche ist es uns mittlerweile schlicht zu groß. Manchmal ist das beste Tool eben das, das zum Leben passt, das man gerade führt.

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Von admin

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